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02.05.2010 eingestellt von: Mario Schuller


Böhmische Dörfer

Acht Tage vom 27. Juli bis 03. August 2002 durch B√∂hmen. Dreizehn TeilnehmerInnen legen 430 Kilometer zur√ľck und bew√§ltigen 5500 H√∂henmeter.

Die Tour begann am ersten Tag zun√§chst mit einer Bahnfahrt, die f√ľr sechs der 13 Teilnehmerinnen und Teilnehmer um 5.19 Uhr in R√ľsselsheim anfing. Beim Umstieg in Frankfurt stie√üen weitere f√ľnf Personen (darunter einer der beiden Tourenleiter) aus Fl√∂rsheim, Frankfurt und Bad Vilbel hinzu. Auf dem Weg nach Plattling komplettierte sich die Radlergruppe bei Zustiegen in W√ľrzburg und Regensburg (der zweite Tourenleiter), so da√ü die Gruppe schlie√ülich vier Damen und neun Herren umfasste. In Plattling folgte ein weiterer (diesmal wegen der Treppen schwei√ütreibender) Umstieg in einen Zug der Regentalbahn, der uns an die deutsch-tschechische Grenze nach Bayerisch Eisenstein (710 m) bringen sollte. Dort trafen wir gegen 11.30 Uhr ein. Nach den Grenzformalit√§ten, die sich mit dem Vorzeigen des Personalausweises sehr begrenzt hielten, erwartete uns auf tschechischer Seite schon Herr Jaroslav Neuzil, der unser Gep√§ck zu unserem ersten Quartier transportierte. Von unserem Gep√§ck erleichtert setzten wir uns auf unsere Fahrr√§der und radelten los, um nach wenigen hundert Meter wieder zu halten - an einer Geldwechselstube. Nachdem alle mehr oder weniger Geld gewechselt hatten, stand dem eigentlichen Tourbeginn nichts im Wege. Die Route nach Filipova Hut (Philippsh√ľtten, 1100 m) f√ľhrte √ľber Radwege und mehr oder weniger stark befahren Stra√üe (teilweise mit Pflastersteinen), die aber ebenfalls zum vorbildlich ausgeschilderten Radwegenetz geh√∂rten. Sp√§testens bei den zu bew√§ltigenden Anstiegen waren alle froh √ľber das fehlende Gep√§ck. Der sehr guten Ortskenntis eines der Tourenleiter war zu verdanken, da√ü es keine Wo-gehts-lang-Stops gab. In Pr√°Ň°ily (Stubenbach) g√∂nnten wir uns eine Kaffee-Pause. Dort sollten wir nicht zum letzten Mal mit Blaubeerkuchen - der rei√üenden Absatz fand - in Kontakt kommen. Die Sprachbarrieren wurden mit einem deutsch-englisch-tschechischen Sprachgemisch √ľberwunden. Nach einer knappen Stunde setzten wir unsere Fahrt fort. In Modrava (Mader, 985 m) folgte der letzte aber auch l√§ngste Anstieg dieses Tages. Nach und nach erreichten die TeilnehmerInnen nach 46 Kilometern das Tagesziel Filipova Hut. Dort diente uns die Pension H√°jenka (ehemaliges Fortshaus, heute mit 1100 m h√∂chstgelegene Pension des B√∂hmerwaldes) f√ľr vier Tage bzw. N√§chte als Unterkunft (mit Halbpension). Hier durften wir eine Ruhe genie√üen, von der wir im Rhein-Main-Gebiet nicht mal zu tr√§umen wagen. Das Gep√§ck erwartete uns bereits ordentlich aufgereiht im Flur der Pension. Nach einer teilweise schwei√ütreibenden Fahrt erfrischten wir uns zun√§chst mit einem k√ľhlen Bier (0,5 Liter kosten ca. 40 Cent) bzw. einer Apfelsaftschorle. Auf Grund der guten Deutschkenntnisse der Pensionsmitarbeiterinnen gab es keine Sprachprobleme. Bei Sonnenschein genossen wir die k√ľhlen Getr√§nke im Garten der Pension. Wir tauschten unsere ersten Eindr√ľcke aus, die diese wundersch√∂ne Landschaft auf uns macht. Da ist zuallererst die au√üerordentlich d√ľnne Besiedlung, die den Schutz des Nationalparks Sumava nat√ľrlich sehr erleichtert. Nach der Vertreibung des deutschen Bev√∂lkerungsteils wurden viele D√∂rfer dem Erdboden gleich gemacht oder dienten als Ziele f√ľr Schie√ü√ľbungen. Nach der Zimmerbelegung erwartet uns die n√§chste Erfrischung - die Dusche. Die Zimmer waren einfach aber v√∂llig ausreichend eingerichtet. Bei einem ausgiebigen Abendessen, das - nicht nur an diesem Abend - aus einer Suppe, der Hauptspeise und einem St√ľck Kuchen als Nachtisch bestand, lie√üen wir den Tag ausklingen. In den folgenden Tagen bestand die Auswahl des Abendessens zwischen einem normalen und einem vegetarischen Essen, das am jeweiligen Vorabend mittels einer Strichliste bestellt werden mu√üte.

Der zweite Tag begann mit einem reichhaltigen Fr√ľhst√ľck. Ob M√ľsli, Quark, Milch, Orangensaft, Kaffee, Tee, Wurst, K√§se, Marmelade, Br√∂tchen oder Brot - es war f√ľr jeden etwas dabei. Diese Auswahl wurde in den n√§chsten Tagen noch durch warme W√ľrstchen, gekochte Eier oder Nudelsalat √ľbertroffen. Gegen 9 Uhr schwangen wir uns auf unsere Fahrr√§der. Diese Abfahrtszeit hatten wir uns f√ľr die gesamte Woche vorgenommen. Das erste Ziel war Brezn√≠k (P√ľrstling, 1133 m). Das ehemalige Forsthaus dient heute als Informationsstelle. Bei gutem Wetter - wie an diesem Tag - kann man von hier das Panorama des Luzn√Ĺ (Lusen, 1373 m) betrachten, auf den man allerdings nur von deutscher Seite aus gelangt. Unterhalb des Cern√° hora (Schwarzberg, 1315 m) vorbei, was wieder mit einem schwei√ütreibenden Anstieg - diesmal auf Schotterwegen - verbunden war, gelangten wir zur Pramen Vltavy (Moldauquelle). Dieses Hochmoorgebiet in einer H√∂he von 1172 m ist die Geburtsst√§tte des Flusses Vltava (Moldau) und au√üerdem die Wasserscheide zwischen dem Schwarzen Meer und der Nordsee. Nach einem kurzen Aufenthalt, einem weiteren Anstieg mit anschlie√üender Abfahrt erreichten wir Bucina (Buchwald, 1162 m), die ehemals am h√∂chsten gelegene Ortschaft im B√∂hmerwald. Nach der Vertreibung der √ľberwiegend deutschst√§mmigen Einwohner erlosch die Gemeinde. 1992 wurde ein Informationszentrum und ein Grenz√ľbergang f√ľr Fu√üg√§nger und Radfahrer er√∂ffnet. Bucina ist der niederschlagreichste Ort im B√∂hmerwald und wenn das Wetter mitspielt kann man von hier aus bis zu den Alpen schauen. Der Ausblick und die gleichzeitige Information √ľber den Nationalpark ҆umava veranlasste uns, hier unsere Mittagsrast einzulegen. Gest√§rkt und erholt setzten wir die Tour fort. Sie f√ľhrte uns √ľber Kn√≠zec√≠ Pl√°ne (F√ľrstenhut, 1027 m), einer ehemaligen Ortschaft, von der heute nur noch Geb√§udereste und ein wieder hergerichteter Friedhof zeugen. Hier verl√§uft auch die europ√§ische Wasserscheide zwischen Elbe und Donau. Den Weg nach Borov√° Lada (Ferchenhaid, 900 m), wo wir bei einer Kaffeerast den ersten Kontakt mit Palatschinken hatten, legten wir teilweise auf einer Stra√üe zur√ľck, wobei erw√§hnt werden sollte, da√ü die Qualit√§t tschechischer Stra√üen teilweise zu w√ľnschen √ľbrig l√§√üt. Auf dem R√ľckweg nach Filipova Hut machten wir noch einen Abstecher zum Hochmoor Chalupsk√° slat. Dieses Moor, dessen Torfschicht eine Tiefe von 7 m erreicht, verbirgt den mit 1,3 ha gr√∂√üten Moorsee in B√∂hmen. In Filipova Hut nach 56 Kilometern angekommen lie√üen wir den Tag nach einer erfrischenden Dusche und einem ausgiebigen Adendessen langsam enden.

Auch am dritten Tag erwartete uns Sonnenschein zum Fr√ľhst√ľck (und dar√ľber hinaus). Gleich zu Beginn unserer heutigen Etappe war ein Anstieg zu bew√§ltigen, dem sich jedoch eine rund vier Kilometer lange Abfahrt anschlo√ü, die aber wegen des Stra√üenzustandes mit Vorsicht zu genie√üen war. Nach einem weiteren Anstieg hinter Horsk√° Kvilda (Innergefild) folgte die n√§chste, diesmal rund neun Kilometer lange Abfahrt, die auf Grund des besseren Stra√üenbelags eher zu genie√üen war. √úber RejŇ°tejn (Reichenstein, 560 m) gelangten wir, mal wieder aufw√§rts fahrend, nach KaŇ°persk√© Hory (Bergreichenstein, 739 m) und weiter aufw√§rts fahrend schlie√ülich zur Burg KaŇ°perk (Karlsberg). Die Burg, die an diesem Tag leider geschlossen und somit nicht zu besichtigen war, wurde in den Jahren 1356 - 61 erbaut. Nach einem kurzen Aufenthalt - der Aufstieg war recht schwei√ütreibend - fuhren wir rollenderweise wieder hinunter nach KaŇ°persk√© Hory, wo wir zwecks Mittagsrast eine Gastst√§tte aufsuchten. Die Stadt erlebte auf Grund des umliegenden Golderzreviers im 14. Jahrhundert ihren gr√∂√üten Aufschwung. Im 18. Jahrhundert wurde der Bergbau durch Glasindustrie ersetzt und heute ist die Hauptbesch√§ftigung die Arbeit im Forst und in der holzverarbeitenden Industrie. Nach unserer mitt√§glichen St√§rkung und einer kleinen Shoppingrunde (Wasser, Radwanderkarten oder auch S√ľ√üigkeiten wurden erworben) setzten wir unsere Fahrt fort, zun√§chst nach RejŇ°tejn. Dort stand an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert die bedeutenste Glash√ľtte in √Ėsterreich-Ungarn. Weiter ging es am goldtragenden Flu√ü Otava (Wottawa) entlang. Am Zusammenflu√ü von Kremeln√° (Kieslingbach) und Vydra (Widra), an dem ein im Jahre 1912 erbautes Wasserkraftwerk steht und der Flu√ü Otava entsteht, verlie√üen wir die Stra√üe und folgten fahrradschiebend stromaufw√§rts dem Bergflu√ü Vydra, dessen Blockbett an die Alpenfl√ľsse erinnert. An der M√ľndung des Hamersk√Ĺ potok (Hammerbach), der auf Grund der h√∂chstgelegenen Goldseife Tschechiens als gesch√ľtztes arch√§ologisches Denkmal gilt, folgten wir dessen Verlauf - weiter fahrradschiebend - bis Horsk√° Kvilda. Nach einem Anstieg - endlich wieder fahrradfahrend - und einer Abfahrt erreichten wir nach 61 Kilometern wieder Filipova Hut. Beim Abendessen erwarteten uns endlich die lang ersehnten b√∂hmischen Kn√∂del, gemeinsam mit einer Vorsuppe, Gulasch und einem St√ľck Kuchen. Im Garten der Pension lie√üen wir den Tag schlie√ülich ausklingen.

Am vierten Tag sollten wir den bis dahin h√∂chsten Punkt unserer Tour erreichen und somit war ein ausgiebiges Fr√ľhst√ľck nur zu empfehlen. Zu Beginn dieser Tagesetappe durften wir uns etwas schonen und lie√üen die Fahrr√§der hinunter nach Modrava rollen. Ohne gr√∂√üere Steigungen oder Gef√§lle ging es stromaufw√§rts am Roklansk√Ĺ potok (Rachelbach) entlang. An seinem anderen Ufer erstreckt sich das Hochmoor Ryb√°rensk√° slat, das ein Bestandteil des ausgedehnten Moorkomplexes Modravsk√© slati ist. Das Gebiet ist die gr√∂√üte und wertvollste 1. Zone des Nationalparks ҆umava. Als wir den Verlust einer Teilnehmerin feststellten, entschlossen wir uns, anzuhalten, in dem Glauben, sie werde bald wieder zu uns sto√üen. Doch wir warteten vergeblich. Zwischenzeitlich war einer der Tourenleiter von einer Suchtour erfolglos zur√ľckgekehrt. Der "F√§hrtenkenntnis" der Teilnehmerin und einem weiteren "Suchtrupp" war es zu verdanken, da√ü die Gruppe nach rund einer halben Stunde vollz√§hlig die Fahrt fortsetzen konnte. Die mehr oder weniger ebene Steckenf√ľhrung war bald vorbei. Die ersten Steigungen erwarteten uns und flachere Passagen bis zum Poledn√≠k (Mittagsberg, 1315 m) gaben uns zwischendurch nur kurz Gelegenheit zum Erholen. Der Poledn√≠k geh√∂rt zu den meistbesuchten Gipfeln im B√∂hmerwald. Auf den 37 Meter hohen Aussichtsturm f√ľhrt eine Treppe mit 227 Stufen. Von dort bietet sich eine der sch√∂nsten Aussichten auf den B√∂hmerwald - wenn das Wetter mitspielt. Und das tat es an diesem Tag nicht ganz. Nach einem rund einst√ľndigen Aufenthalt fuhren wir wieder bergab; gr√∂√ütenteils √ľber eine Splittpiste, die wegen ihres starken Gef√§lles nicht ganz ungef√§hrlich war. An einer Weggabelung unterbrachen wir unsere Abfahrt. Um zum Pr√°Ň°ilsk√© jezero (Stubenbacher See, 1080 m) zu gelangen, war ein Anstieg zu √ľberwinden. Die letzten Meter zum See mu√üten wir zu Fu√ü zur√ľcklegen. Der Gletschersee, der eine Tiefe von 15 Meter erreicht, erstreckt sich √ľber ein Fl√§che von 3,7 ha in einem Granit- und Gneiskar am Hange des Poledn√≠k. Nach dem Abstieg setzten wir unsere zuvor unterbrochene Abfahrt nach Pr√°Ň°ily fort, wo wir uns zur Mittagsrast niederlie√üen. Da die einzige vorhandene Gastst√§tte √ľber keine freien Sitzm√∂glichkeiten mehr verf√ľgte, nahmen wir mit dem Caf√© vorlieb, in dem bereits am ersten Tag der Blaubeerkuchen in unserer Gruppe rei√üenden Absatz fand - so auch diesmal. Als neben dem Blaubeerkuchen auch andere Kuchensorten probiert, die Wasser- und S√ľ√üigkeitenvorr√§te aufgef√ľllt waren, sowie Postkarten an die Zur√ľckgebliebenen ihren Weg in einen Briefkasten fanden, schwangen wir uns beh√§big auf unsere Fahrr√§der. Der R√ľckweg nach Filipova Hut f√ľhrte uns teilweise am Vchynicko-Tetovsk√Ĺ plavebn√≠ kanal (Chinitz-Tetauer-Schwemmkanal) entlang. Der Kanal, der eine Gesamtl√§nge von 17843 Meter hat, wurde in den Jahren 1799 - 1801 erbaut. Er leitete Wasser aus der Vydra ab und erm√∂glichte das Schwemmen von gro√üen Holzmengen √ľberwiegend aus dem Stubenbacher Herrschaftsgut. Zum letzten Mal wurde 1958 in diesem Kanal Holz gefl√∂√üt. Am Anfang des Kanals, unweit von Modrava entfernt, stie√üen wir auf den Flu√ü Vydra. Den dort angebotenen Rastplatz nahmen wir gerne an und ein Gro√üteil der Gruppe k√ľhlte ihre F√ľ√üe und andere K√∂rperteile im erfrischenden Wasser der Vydra. Nach der Erfrischung und Erholung war wieder schwitzen angesagt. Ab Modrava folgte der schon bekannte Anstieg nach Filipova Hut, wo wir nach 50 Kilometern zufrieden der geleisteten H√∂henmeter wegen eintrafen. Den letzten Abend in der Pension H√°jenka lie√üen wir nach dem Abendessen im Garten gem√ľtlich ausklingen.

Am f√ľnften Tag stand die √úberfahrt zu unserem n√§chsten √úbernachtungsquartier in Lenora (Eleonorenhain) an - mit Gep√§ck. Das wie immer reichliche Fr√ľhst√ľck st√§rkte uns f√ľr diese Herausforderung, auch wenn keine gro√üen Anstiege zu erwarten waren und die Strecke ausschlie√ülich auf Stra√üen zur√ľckgelegt werden sollte. Aber vielleicht war gerade das die Herausforderung. Mit mehr oder weniger stark beladenen Fahrr√§dern machten wir uns auf den Weg. In Kvilda (Au√üergefild, 1065 m) stand ein Stop auf dem Programm. In dem im Jahr 1345 entstandenen Ort hat das Nationalparkhaus seinen Sitz. Leider hatte dieses jedoch zum Zeitpunkt unseres Eintreffens noch nicht ge√∂ffnet, so da√ü wir uns im n√§heren Umkreis unserer Fahrr√§der etwas umsahen und dabei z.B. die neugotische Sankt Stephanskirche entdeckten. Als die Gruppe wieder vollz√§hlig war, setzten wir unsere Tour fort. Nach einem weiteren Zwischenstop in Horn√≠ Vltavice (Obermoldau) trafen wir bereits zur Mittagszeit in Lenora (765 m) ein. Da die gleichnamige Pension noch nicht bezugsfertig war, suchten wir eine Gastst√§tte auf und st√§rkten uns f√ľr die an diesem Tag noch bevorstehenden Aufgaben. Nach der Mittagsrast - wieder mal mit Palatschinken - gingen wir fahrradschiebend zur auf der gegen√ľberliegenden Stra√üenseite gelegenen Pension Lenora (√úbernachtung mit Fr√ľhst√ľck), wo wir durch die Dame des Hauses freundlich empfangen wurden. Endlich wurden wir unser Gep√§ck wieder los. Auch in dieser Pension waren die Zimmer einfach aber zweckm√§√üig eingerichtet, wenngleich die Dusche einen leichten Hang zur Dunkelkammer hatte. Immerhin hatte jedes Zimmer f√ľr den Kontakt zur Au√üenwelt ein Radio zum Empfang deutscher Sender, so da√ü wir uns √ľber die Geschehnisse in der Welt informieren konnten - wenn wir wollten. Da der Tag noch nicht sehr weit fortgeschritten war, setzten wir uns nochmal auf unsere Fahrr√§der und erkundeten die n√§here Umgebung. Wie wir es von unseren bisherigen Touren gewohnt waren, lie√ü der erste Anstieg nicht lange auf sich warten, der uns auf Grund des guten Mittagessens etwas schwerer fiel. Gen Himmel blickend und ein Gewitter bef√ľrchtend entschlossen sich zwei unserer Mitradler am Ende des Anstieges zur R√ľckkehr. Um es vorweg zu nehmen: die Bef√ľrchtungen waren unbegr√ľndet. Der Rest des Teilnehmerfeldes fuhr abw√§rts Richtung Stozec (Tusset, 780 m), die Studen√° Vltava (Kalte Moldau) √ľberquerend. Dieser folgten wir auf einem Radweg, von dessen Qualit√§t wir nicht zu tr√§umen gewagt h√§tten. Auch wenn sich √ľber einen geteerten Weg am Naturpark Vltavsk√Ĺ luh (Moldau-Auen), an dem wir entlang radelten, streiten l√§√üt. Kurz hinter dem Zusammenflu√ü der Studen√° Vltava und der Tepl√° Vltava (Warme Moldau) zur Vltava (Moldau) verlie√üen wir den gut ausgebauten Radweg, √ľberquerten die Vltava und stie√üen auf eine Landstra√üe. Dieser Stra√üe mit ihren Anstiegen und Abfahrten folgten wir bis Volary (Wallern, 760 m). Dort kamen wir am Mahnmal f√ľr die Opfer des Todesmarsches im Jahr 1945 und den sogenannten Tiroler H√§usern vorbei, bevor wir uns in einer Gastst√§tte zu einer Rast niederlie√üen. Anschlie√üend legten wir die restlichen Kilometer nach Lenora zur√ľck, wo wir nach insgesamt 73 Kilometer eintrafen. Nach einem ausgiebigen Abendessen (bei dem das b√∂hmische Geheimnis gel√ľftet wurde) in einer Gastst√§tte mit einer √§u√üerst flinken Bedienung (nicht ironisch gemeint), lie√üen wir den Tag auf der Terrasse der Pension bei einer Flasche Wein ausklingen. Der f√ľnfte Tag ohne Panne ...

Auch in unserem zweiten √úbernachtungsquartier wurden wir mit einem reichhaltigen Fr√ľhst√ľck √ľberrascht und wieder konnte zwischen einer vegetarischen und einer nicht-vegetarischen Mahlzeit gew√§hlt werden. Am sechsten Tag werden wir mit Cesk√Ĺ Krumlov (Krumau, 492 m) den - topographisch gesehen - tiefsten Punkt unserer gesamten Tour erreichen. Aber bevor wir starten konnten, mu√üte ein Teilnehmer am Hinterrad seines Fahrrads eine schreckliche Entdeckung machen: platt, Luft raus. Wiederbelebungsversuche zwecklos. Eine Notoperation war erforderlich. Anschlie√üend konnte das √Ąrzteteam melden: Operation gelungen, Patient unter Druck. Nun konnte es losgehen. Die Route f√ľhrte uns wie schon am Nachmittag des Vortages nach Stozec. Diesmal aber umfuhren wir den Anstieg. An einem gut frequentierten Kiosk in Stozec frischten wir unsere Getr√§nkevorr√§te auf. Ebenfalls wie am Vortag folgten wir dem gut ausgebauten Radweg an der Studen√° Vltava bzw. der Vltava entlang. Bei Nov√° Pec (Neuofen, 737 m) hatten wir bei der √úberquerung dessen Ausl√§ufer zum ersten Mal Kontakt mit dem Lipensk√° prehrada (Lipnostausee, auch b√∂hmisches Meer genannt). Der Stausee, der eine L√§nge von 48 km und eine Fl√§che von 5000 ha hat, wurde nach dem Ort Lipno nad Vltavou (Lipen an der Moldau, 750 m) benannt, nahe dem die Talsperre (25 m hoch, 296 m breit, erbaut 1950 - 59) steht. N√∂rdlich des Lipnostausees fahrend gelangten wir √ľber Horn√≠ Plan√° (Oberplan, 776 m) nach Cern√° v PoŇ°umav√≠ (Schwarzbach), wo wir zum zweiten mal den Stausee √ľberquerten. Weiter ging es, um Anstiege zu vermeiden haupts√§chlich auf Stra√üen, √ľber Horice na Sumave, wo wir eine kurze Mittagsrast einlegten, zum Weltkulturerbe Cesk√Ĺ Krumlov. Die Stadt, deren historischer Kern unter Denkmalschutz steht (wurde beim Jahrhunderthochwasser 2002 stark besch√§digt), z√§hlt nach Prag zu den meistbesuchten und teuersten St√§dten der Tschechischen Republik. Nachdem wir unsere Fahrr√§der abgestellt und einen Treffpunkt ausgemacht hatten, starteten wir - einzeln oder in kleinen Gruppen - zu einer Stadtbesichtigung. Einige H√§user waren bereits m√ľhevoll restauriert. Andere H√§user wiederum waren noch in einem sehr schlechten baulichen Zustand. Es gibt also noch viel zu tun - wir kommen sp√§ter noch mal wieder. Die Burg, von der man einen herrlichen Blick √ľber die Stadt und auf die Moldauschleife hat, wurde im 13. Jahrhundert erbaut und ist die zweitgr√∂√üte in B√∂hmen nach der Prager Burg. In dem sich anschlie√üenden Park lie√ü es sich etwas von den Menschenmassen erholen, die sich durch die Burg und die Altstadt w√§lzten. Schlie√ülich waren wir dies von unseren bisherigen Tourzielen nicht gewohnt. Nach einem rund vierst√ľndigen Rundgang fanden sich alle am vereinbarten Treffpunkt (Marktplatz) ein und gemeinsam suchten wir eine Gastst√§tte in Moldaun√§he auf. Auch hier durfte der fast schon traditionelle Palatschinken zum Nachtisch nicht fehlen. Das eigentliche Abenteuer dieses Tages stand uns noch bevor. Die R√ľckfahrt zu unserem √úbernachtungsquartier erfolgte gr√∂√ütenteils mit dem Zug. Auch wenn uns gen√ľgend Stellpl√§tze f√ľr unsere Fahrr√§der zugesagt wurden, faltete ein Teilnehmer, der die Tour mit einem Faltrad bew√§ltigte, dieses unter staunenden tschechischen Augen zusammen. Wie versprochen fanden alle Fahrr√§der in dem schienenbus√§hnlichen Gef√§hrt Platz. Fasziniert und beeindruckt waren wir von dem relativ hohen Personalaufwand - in Deutschland undenkbar - und dem vorherrschenden Handbetrieb (z.B. beim Weichenstellen). Knapp zwei Stunden dauerte das Abenteuer, das in Volary endete. Die restlichen sieben Kilometer bis Lenora legten wir bei Dunkelheit - es war inzwischen 22.30 Uhr - und mit mehr oder weniger viel Licht ausgestattet wieder mit dem Fahrrad zur√ľck. Nach insgesamt 76 Kilometer auf dem Sattel trafen wir in unserem √úbernachtungsquartier ein, wo wir den Tag nach einer Dusche etwas ersch√∂pft, aber mit vielen neuen Eindr√ľcken, im Bett enden lie√üen.

Am vorletzten Tag sollten wir den h√∂chsten Punkt unserer gesamten B√∂hmen-Tour erreichen und so war ein reichhaltiges Fr√ľhst√ľck willkommen. Aber das waren wir ja nun schon gewohnt. Auch an diesem Morgen mu√üte ein Teilnehmer mit Schrecken ein Defekt an seinem Fahrrad feststellen - diesmal: Speichenbruch. Wohl eine Folge der Nachtfahrt vom Vortag √ľber die "guten" tschechischen Stra√üen. Nach weniger als einer Viertelstunde war - unter ungl√§ubig schauenden MitradlerInnen - der Speichenbruch behoben und es konnte losgehen. Worauf alle h√§tten verzichten k√∂nnen, traf zu Beginn dieser Tagesetappe ein: Regen. Da es allerdings nur ein leichter Schauer von kurzer Dauer war, konnte die Regenbekleidung bald wieder eingepackt werden. √úber Stozec, wo wieder eine kurze Rast zur Getr√§nkeaufnahme eingelegt wurde und einen m√§√üigen, aber nicht enden wollenden Anstieg gelangten wir zum PleŇ°n√© jezero (Pl√∂ckensteinsee, 1090 m). Der Gletschersee hat eine Maximaltiefe von 18,3 m und ist der zweit h√∂chstgelegene B√∂hmerwaldsee. Hier lie√üen wir uns zu unserer Mittagsrast nieder. Die bewaldeten Bergh√§nge an anderen Ende des Sees waren zu diesem Zeitpunkt noch nebelverhangen. Nachdem wir uns gest√§rkt hatten stand uns der eigentliche Kraftakt diese Tages bevor: der Aufstieg zum Adalbert-Stifter-Denkmal. Zu Fu√ü ging es einen mit Steinen und Baumwurzeln gespickten, 1,5 km langen Weg hinauf. Nach etwas mehr als einer halben Stunde erreichten wir das 14,5 m hohe Granitdenkmal, das etwas unterhalb des Berges Plech√Ĺ (Pl√∂ckenstein, 1378 m) steht. Es wurde in den Jahren 1876 - 77 zu Ehren des in Horn√≠ Plan√° gebohrenen B√∂hmerwald-Dichters und Schriftstellers Adalbert Stifter erbaut. Da sich der Nebel inzwischen aufgel√∂st hatte, bot sich uns von einem Aussichtsfelsen ein herrlicher Ausblick auf den Pl√∂ckensteinsee und ins Moldautal mit dem Lipnostausee. Nach dem Abstieg, der sich noch m√ľhseliger als der Aufstieg gestaltete, konnten wir den weiteren Weg in gewohnter Weise - n√§mlich mit dem Fahrrad - fortsetzen. Der Weg f√ľhrte uns am Schwarzenbersk√Ĺ plavebn√≠ kan√°l (Schwarzenberger Schwemmkanal) entlang. Das 44 km lange unikate technische Denkmal wurde in zwei Abschnitten zwischen 1789 und 1822 erbaut und war zum Schwemmen von Scheitholz aus den unzug√§nglichen Teilen des B√∂hmerwaldes bis nach Wien bestimmt. Bei der kleinen Ansiedlung Jelen√≠ Vrchy (Hirschbergen) verl√§uft der Schwemmkanal unter dem Berg PleŇ°ivec durch einen 419 m langen Tunnel. In einem Imbi√ü der Ansiedlung legten wir eine Kaffeepause ein. Bei dieser Gelegenheit wurde der Defekt am Hinterrad, das √ľber akuten Luftmangel klagte, einer Mitradlerin behoben. Auf den n√§chsten Kilometern begleitete uns der Schwarzenberger Schwemmkanal, der an der Rosenauer-Kapelle mit dem Jezern√≠ potok (Seebach) kreuzt, aus dessen Wasser der Kanal u.a. gespeist wird. Den Rest des Weges nach Lenora f√ľhrte uns, wie schon an den beiden Tagen zuvor, am Naturpark Moldau-Auen vorbei. Nach 68 Kilometern trafen wir schlie√ülich an der Pension Lenora ein. Unseren letzten Abend in B√∂hmen lie√üen wir der selben Gastst√§tte ausklingen, in der wir schon zwei Abende zuvor bestens gespeist haten. Und auch diesmal l√ľfteten einige das b√∂hmische Geheimnis.

Am achten Tag hie√ü es Abschied von B√∂hmen zu nehmen: die Abreise stand an. Diese erfolgte per Bus und Bahn, so da√ü wir vom Fahrradfahren eine wohlverdiente Pause einlegen konnten. Nach dem Fr√ľhst√ľck wartete bereits ein Bus mit Fahrer und Fahrradanh√§nger auf uns. Gemeinsam verluden wir unsere Fahrr√§der und los ging es Richtung Bahnhof Bayerisch Eisenstein. Je weiter die Zeit fortschritt und der Bahnhof nicht schnell genug n√§her kam, desto h√∂her stiegen die Bef√ľrchtungen, den Zug zu verpassen. An der Grenze eingetroffen, ging alles ganz schnell: In einer Gemeinschaftsaktion luden wir die Fahrr√§der aus, befestigten unser Gep√§ck und gingen schnellen Schrittes zum Grenz√ľbergang. Der tschechische Grenzbeamte winkte uns freundlich durch. Sein deutscher Kollge hatte wohl einen seiner schlechten Tage erwischt. Ein Teilnehmer wurde zeitraubenderweise - der Zug wartete schon - nach Zigaretten gefragt. Er konnte die Frage aber √ľberzeugend verneinen, so da√ü wir tats√§chlich rechtzeitig im Zug der Regentalbahn sa√üen. Der n√§chste Stre√ü stand uns beim Umstieg in Plattling bevor. Da der Zug jedoch am selben Bahnsteig abfuhr, wurden wir vom gep√§ckbeladenen-Fahrrad-Treppensteigen verschont. In den n√§chsten drei Stunden bis Frankfurt konnten wir uns vom Stre√ü etwas erholen. In W√ľrzburg verlie√ü uns ein Mitradler. Etwas sp√§ter als geplant trafen wir in Frankfurt ein. Nachdem sich ein Teil der Radlergruppe verabschiedete und nach Bad Vilbel und Fl√∂rsheim weiterreiste bzw. in Frankfurt blieb, fuhr der Rest der Gruppe per S-Bahn weiter nach R√ľsselsheim. Dort endete endg√ľltig unsere einw√∂chige Radtour. Wir sa√üen insgesamt 24,5 Stunden auf dem Fahrrad und legten dabei 430 Kilometer, sowie rund 5500 H√∂henmeter zur√ľck. Trotz so mancher Anstrengung auf Grund der zahlreichen Anstiege k√∂nnen wir auf eine sehr sch√∂ne und bestens organisierte Tour zur√ľckblicken, wof√ľr den beiden Tourenleitern an dieser Stelle ein gro√üer Dank geb√ľhrt.

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